Stefan Szary / FILOZOFIA
  3. Der Augenblick
 


MEDITATION ÜBER DEN AUGENBLICK
 

Wie lange dauert ein Blitz? Einen Moment, einen Augenblick, ein Sekundenbruchteil? Ist er viel oder wenig? Kann diesen kurzen Moment eine tiefere Bedeutung haben? In der Philosophie der Existenz, sicherlich ja. Ich habe das verstanden, wenn ich die Philosophie von Søren Kierkegaard und Nicholas Berdjajew studiere. Ohne Kierkegaard wäre ich sicherlich nicht wer ich bin. Seine Gedanken sind mir näher. In diesen Eindruck möchte ich über den Augenblick und seine Bedeutung im Leben des Menschen nachdenken.



 
Nikolai Berdjajew in dem Buch: Versuch einer eschatologischen Metaphysik (Schöpfertum und Objektivation), nennt drei Aspekte der Zeit: kosmische Zeit, historische Zeit, und existentielle Zeit. Kosmische Zeit wird durch die Zyklizität, die Regelmäßigkeit, die Wiederholbarkeit und die Ordnung ausgezeichnet. Ihr Symbol ist ein Kreis. Wir erblicken sie in der Welt der Natur: die Reihenfolge der Tag und die Nacht, Jahreszeiten, etc., geschieht überall gleich. Sie ist eine Zeit der Notwendigkeit. Sie kannten vor allem die alten Griechen. Auf diese Idee hat später auch Friedrich Nietzsche bezuggenommen. Die Griechen glaubten, dass das menschliche Leben ein Schicksal regiert. Niemand hat einen Einfluss auf sein Fatum. Die Tragödie von Ödipus besteht darin, dass er seine Zukunft kennengelernt hat. Sein Schicksal war eigenen Vater getötet und seine Mutter heiraten. So hat er geschrieben und so muss man füllen. Das menschliche Leben wird nicht vom Menschen, sondern durch das Schicksal (von Göttern) entschieden.
Historische Zeit bezieht sich auf die hebräische Tradition. Ihr Symbol ist eine Linie,  ein Weg. Der Mensch ist homo viator (ein Mensch auf dem Wege), der nicht weiß, was in seinem Leben passieren wird, aber trotzdem geht er vorwärts. Die Zeit ist hier nicht wie früher als die Zeit der Notwendigkeit, sondern ist sie hier als die Zeit des Dramas – die Zeit der Tragödie, die unbekannte Zeit. Die größte Rolle spielt hier die Wahl des Menschen. Abraham verlässt seine Heimat – Mesopotamien und er in ein unbekanntes Land gegangen. Seine einzige Kraft ist Vertrauen zum Gott. Er glaubte, dass ihn Gott berufen hat. Hier ist keine Notwendigkeit, sondern das ist die Struktur der Wahl, die Struktur der Berufung. In diesem Fall ist ein Wort, eine Einladung, eine Aufforderung und eine Antwort des Menschen: entweder eine Annahme oder eine Ablehnung. Die Zeit in dieser Perspektive nennt man als die Geschichte – nicht nur Geschichte des eigenen Lebens, sondern als auch Geschichte der Völker, Geschichte der Menschlichkeit. Diese Zeit ist wie eine Wanderung in die unbekannte Zukunft, während viele verschiedene Proben uns treffen.
Das Symbol der existentiellen Zeit ist der Punkt, der charakterisiert sich nicht durch die Breite sondern durch die Tiefe. Sie ist eine Zeit von Zeit und Ewigkeit in der Gegenwart (Gegenwart als ein Punkt und Tiefe wie die Ewigkeit). Die existentielle Zeit ist ein Augenblick, ein entscheidender Moment, in dem geschieht des Erwachens, wacht man Selbst-Bewusstsein auf, entsteht Wiedergeburt, beginnt eine neue Ordnung und eine neue Geschichte im Leben des Menschen. Kierkegaard hat geschrieben, dass die Ewigkeit in der Person Jesus Christus geschehen ist.
Die Bedeutung des Augenblicks zeigen uns großartige Beispiele aus der Geschichte. Dies ist das sechste Jahrhundert vor Christus. In einem kleinen Königreich, dass in der Nähe der heutigen Nepal-Indien Grenze war, wurde Prinz Siddhartha Gautama geboren. Der Vater hat den Erziehern seines Sohnes befohlen, ihm auf eine bestimmte Weise zu erziehen, dass er nicht weder die schlechte Seite noch die traurige Seite des Lebens kennen lernen sollte. Der Zustand von Freude und Glück dauerte, bis eines Tages, trotz Verbote des Vaters, besuchte der junge Prinz ein nahegelegenes Dorf. Dann erfuhr er, dass das menschliche Leben heißt nicht nur Freude und Glück, sondern auch: Alter, Krankheit und Tod. Auf dem Weg traf er einen Asket. Burkhard Scherer schreibt: „In seiner Art zu leben und die Notwendigkeit der Befreiung jenseits der Gesellschaft Siddhartha sah. Übrigens: Die Suche nach dem Unbedingten und zeitloser Glückseligkeit“. Das Leben des Buddhas ist ein Vorbild für viele Menschen bis heute.
In der Geschichte des Christentums gibt es viele Beispielen auf die man zeigen kann. Hl. Paulus von Tarsus. Zuerst ein eifriger Verfolger der Anhänger Christi, dann der unermüdliche Apostel der Heiden. Hl. Augustinus von Hippo. Von Anfang an war er ein Anhänger des Manichäismus, Skeptizismus und Neoplatonismus, und nach seiner Bekehrung wurde er zu einem der vier großen Kirchenlehrer.
Die Bedeutung des existentiellen Augenblicks kann man im Leben der großen Reformatoren erblicken. Hl. Franz von Asissi. Von Anfang an war er ein reicher, unbeschwerter junger Mann, und später wurde er als „der Arme aus Asissi“ genannt. Im Materialismus sah er deutlich eine der Ursachen der Krise der Kirche im dreizehnten Jahrhundert. Er fing an, anders zu leben, als alle anderen. War er nicht ein großer Reformer?
Drei Jahrhunderte später, im Jahre 1517 Martin Luther in Wittenberg bekannt gegeben seine kritische These, dass die Gnade Gottes nicht zum Verkauf steht, und die Praxis des Ablasshandels ist böse. Der Konflikt verstärkte sich. Schließlich wurde Luther exkommuniziert.
Einen weiteren Augenblick, eine radikale Wende, sehen wir im Leben der großen Künstler. Rembrandt, der Maler der Reichen und bewundert, er entdeckte an einem gewissen Punkt, dass man nicht mehr der Diener der Neigung und des Geschmacks den Anderen sein darf. Mit seinem Talent soll er vor allem die Wahrheit und nicht eine Falschheit darstellen. Der Preis seiner Auswahl war finanzielle Ruin, Einsamkeit und Mangel an Verständnis des Künstlers.
Mein Lieblings-Maler ist Vincent van Gogh. In seinem Leben suchte er dramatisch seinen eigenen Weg. Nach Familientradition wollte er zunächst Pfarrer werden. Aber es war nicht seine Sache. Er entdeckte Gemälde. Die Zeitgenossen verstanden seine Kunst nicht. Er lebte und arbeitete und niemand hat seine Gemälde kaufen wollen. Schließlich hat jemand einen gekauft, nur ein Bild des Künstlers Lebzeiten, und er hat doch über 850 gemalt.
Und das letzte Beispiel für existentielle zurückzukehren von Jean-Paul Sartre. Als Kind kniete er jeden Tag in sein Hemd auf dem Bett, wo er mit gefalteten Händen gebetet hat. Eines Tages hat er den kleinen Teppich angezündet. In diesem Moment hat er entdeckt, dass im Falle, auch wenn es ihm gelingen würde alle Spuren seiner Tat zu verschleiern, dann würde noch jemand, der alles gesehen hat, einer der einzige Zeuge seiner Tat sein, Gott. „Mich hat gerettet – schreibt er – meine Empörung. Ich habe gewütet auf die Indiskretion so vulgär, dann ich habe gelästert [...]. Und er hat auf mich nie mehr gesehen“.
Diese Beispiele zeigen uns die unterschiedliche Eigenschaften des Augenblicks: die existentielle Wendung in dem Leben des Buddhas, religiösen Wendungen im Leben hl. Paulus und hl. Augustinus, reformistischen Wendungen bei hl. Franz von Assisi und Martin Luther, künstlerischen Wendungen bei Rembrandt und Vincent van Gogh, und schließlich die atheistische Wendung bei Jean Paul Sartre. Mit dem Bewusstsein dieser Beispiele kann gesagt werden, dass in dem Augenblick manchmal das Leben entscheidet.
Søren Kierkegaard benutzte häufig den Ausdruck: der Sprung. Also der Augenblick kann im Leben wie ein Sprung sein. Ich kann ihn machen, oder ich kann ihn auch stoppen. Dies weist auf die Freiheit in Bezug auf ihn. Ich kann, muss aber nicht, springen. Trotzdem muss ich eine Wahl treffen: Entweder-Oder. Niemand sonst hier wählt für mich. Auf der einen Seite ist hier ein Risiko, das was Unbekannte ist, auf der anderen Seite befindet sich der mögliche Preis: Missverständnisse von anderen, Einsamkeit und vielleicht sogar Verachtung. Auf welchem Grund haben wir also eine Lebenswendung gemacht, um zu springen, um ein Risiko auf sich zu nehmen. Es scheint mir, dass das eine bestimmte Art von Möglichkeit und Gelegenheit meines eigenen Ich zu erfahren ist – ich als Einzelner. Daher die Metapher der Wiedergeburt und des Erwachens.
Es ist wie sich selbst zu berühren, zu verstehen, dass das Leben, das ich habe, ist mein Leben mit meiner Verantwortung für mich. Die Wahl fasziniert und stößt zugleich ab, denn Angst entsteht. Und Angst ist, wie Kierkegaard schrieb: „eine sympathetische Antipathie und eine antipathetische Sympathie“.
Auf zwei Fragen, die mich zu diesem Thema interessieren, will ich noch ganz kurz unsere Aufmerksamkeit lenken. Erste Frage lautet: Ob ein Wendemomentleben, ein Augenblickerwache, betrifft jeden Menschen, oder er betrifft nur einige? Und zweite Frage wird: Ist dieser Moment nur einmal im Leben geschehen wird, oder mehrmals?
Lassen Sie mich mit der letzten Frage beginnen, weil die Antwort auf sie mir leichtern erscheint. Für mich kann eine Wendung im Leben mehr als einmal passieren. Mein jüngerer Bruder wiederholt oft seinen Lieblingsatz, der lautet: „Das Leben ist voller Überraschungen“. Nicht jede Überraschung hat natürlich eine Veränderung gemacht, aber es kann auch sicherlich in den solchen Situationen geschehen, in der wir beinahe „von Anfang“ unser Leben führen. Anführungszeichen verwenden bei der Bestimmung ist sehr wichtig. In einem wörtlichen Sinn, denn es ist keiner „Anfang“, auf der anderen Seite sind die Umstände, dass man diesen Begriff in aller Ernsthaftigkeit die Nutzung ermöglichen kann.
Schwieriger ist es auf die vorhergehende Frage zu antworten. Martin Heidegger würde wahrscheinlich sagen, dass der Augenblick des Todes, und vielleicht auch ein tiefes Bewusstsein von meinem Tod, der in jedem Moment treffen kann, den Wendepunkt bildet, in dem das eigene Selbst erwachen kann.
Karl Jaspers würde uns in Grenzsituationen wie Krankheit, Liebe, Abrieb mit dem Tod, Reue gezeigt, und sagte, dass sie sich offenbaren uns unserem Selbst und es machte die Beleuchtung unseres Daseins. Trotzdem weiß ich nicht, ob alle Menschen in ihrem Leben machen eine Ernste-Leben-Wahl treffen, aber ich bin überzeugt, dass dieser Moment etwas ganz Besonderes und Wichtiges, etwas, ohne das es vielleicht unmöglich eine echte Lebenserfahrung ist.
 
Kann man einen Augenblick, der so kurz wie ein Blitz dauerhaft, eine große Bedeutung im Leben haben? Es ist wohl kein Zweifel. Ein Moment, ein Augenblick ist auch diese Gegenwart. Sie hat ihre Tiefe. Lohnt es sich das ganze Leben nur oberflächlich zu überleben? Sie haben den Mut zu wollen, mit sich selbst treffen zu werden. Ohne ein solches Treffen ist ein wirkliches Leben wahrscheinlich unmöglich.

Stefan Szary
 
   
 
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